Tagungsbericht: Soziale Ungleichheit in der DDR.
Zu einem tabuisierten Strukturmerkmal der kommunistischen Diktatur
Die zehnte gemeinsame Tagung der Akademie für Politische Bildung Tutzing und der Gesellschaft für Deutschlandforschung –Fachgruppe Sozialwissenschaft – vom 17. bis 20.April 2000 stand unter dem Thema: "Soziale Ungleichheit in der DDR. Zu einem tabuisierten Strukturmerkmal der kommunistischen Diktatur."
Über "DDR-Wirtschaft – Eine Wirtschaft des Volkseigentums? Der Monopolismus der Funktionärskaste" referierte Fritz Schenk. Während Marx von der "Aufhebung jeglichen Eigentums" im Sozialismus ausging, prägte Lenin den Begriff "gesellschaftliches Eigentum" und entwickelte das Konzept vom planwirtschaftlichen staatlichen Verwalten der Wirtschaft. So begründet erfolgte 1945 in der SBZ eine "totale Enteignung" Mit der Einsetzung der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) begann die Planwirtschaft in der SBZ/DDR. Die DDR wurde von Ulbricht zum direkten Wirtschaftspartner der UdSSR umfunkioniert. Die DDR-Gesellschaft fußte (so Schenk) auf drei Säulen: 1. Parteiapparat, 2. Wirtschaftsapparat (mit einer zum Parteiapparat parallelen Struktur) und 3.einer "parlamentarisch-demokratische Attrappe".
Jürgen Maruhn (Politische Akademie Tutzing) bemerkte in seinen Ausführungen zum Thema:" ‘Die neue Klasse‘: Vom ideologischen Schattenboxen zur Fundamentalkritik der Realität des Kommunismus", daß Kritik grundsätzlicher Art z.B. an der Leninschen Theorie von der "Partei neuen Typs" besonders von Dissidenten geübt wurde, wie u.a. die Bücher von Milovan Djilas "Die neue Klasse" (1956, BRD 1958) und "Die unvolllkommene Klasse" (1959) beweisen. Maruhn zeigte anhand verschiedener Zitate zu den Komplexen Eigentum, Macht u.a. aus diesen Büchern, wie Djilas bereits 1956 den Untergang des kommunistischen Herrschaftssystems voraussah, während der Westen 1989 völlig überrascht war.
Lothar Mertens (Bochum/Chemnitz) hatte zu seinem Thema "‘Was die Partei wusste, aber nicht sagte...‘: Empirische Befunde sozialer Ungleichheit in der DDR-Gesellschaft" verschiedene (Geheim-)Dissertationen aus der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SEDausgewertet. Die empirischen Daten vor allem aus dem Jahr 1973, die bis 1989 nicht veröfffentlicht wurden, zeigen Unzufriedenheit und De-Motivation. Nach Qualifikationsbemühungen kam es vielfach zu Unter- und Überforderung; die Folge war geringes Interesse an höherer Qualifikation. Es bestand wenig Interesse und Motivation, Verantwortung zu übernehmen.
Siegfried Grundmann (Berlin) – vormals Professor an der bereits erwähnten AfG – bekannte sich als "Stütze des Systems" und meinte, es bestehe "kein Grund, das jetzt anders zu sehen". Dennoch: "Heute bin ich klüger." Er bestätigte: zu DDR-Zeiten war "keine Äußerung möglich ohne Zustimmung der Partei bzw. des AfG-Direktors", was sich auf die Forschungsarbeit auswirken mußte. Für sein Referat über "Räumliche Disparitäten in der DDR" legte Grundmann viele noch zu DDR-Zeiten ermittelte Einzeldaten vor. Der Referent meinte schließlich, daß streng genommen nicht von einer Planwirtschaft gesprochen werden könne, denn es handelte sich in der DDR um eine "zentral geleitete Wirtschaft"; bemerkenswert daran ist, daß dies ein Begriff der westdeutschen DDR-Forschung war, von der SED und insbesondere der AfG jedoch strikt abgelehnt.
Annette Kaminsky hielt ein Referat über "Ausgeschlossen vom Konsum: Die Verteilung der Versandkataloge der in der DDR". 1954 faßte der DDR-Ministerrat den Beschluß, den Versandhandel einzuführen, er wurde am 1.5.1956 offiziell eröffnet. Es wurden die ersten Kataloge gedruckt und ausgeliefert. Bald gab es 1,5 Mio Besteller und 800.000 Stammkunden. Bereits in der Testphase waren viele Waren vergriffen, verzögerte sich die Auslieferung von Katalogen. 1969 wurde ein zweites Versandhaus eingerichtet, verbunden mit einer Sortimentsbereinigung. Ein geplantes Großversandhaus wurde nicht realisiert, es gab ständig steigende Lieferabsagen und immer weniger Kataloge. Bestimmte Bevölkerungsschichten wurden von der Katalog-Belieferung bewußt ausgeschlossen!! 1976 wurde der Versandhandel endgültig eingestellt, mit Ausnahme von GENEX.
Ilse Nagelschmidt (Institut für Germanistik Leipzig) referierte über die "Darstellung von sozialer Ungleichheit in der DDR-Belletristik". Sie warnte davor, Literatur nur unter dem Gesichtspunkt "Inhalt" zu bewerten, es gelte auch Sprache, ästhetische Mittel zu beachten. Sie verwies andererseits auf die besondere Situation der DDR-Literatur und ihr Ersatzfunktion. Dort wurden Tabufelder wie z.B. Umweltzerstörung, kranke Menschen, Behinderte angesprochen. Die Auflistung zahlreicher Titel weckte bei den DDR-Kundigen oder "gelernten DDR-Bürgern" vielfach Erinnerungen. Während es in den fünfziger Jahren eine Emanzipations-Literatur nach festem Muster gab (in den Arbeitsromanen waren die Frauen als Gewinner dargestellt), waren in den sechziger Jahren hingegen die Frauen eindeutige Verlierer. In den siebziger Jahren schließlich wurde die "Frauen-Frage" als gelöst betrachtet.
Peter Maser sprach über "Benachteiligung durch Religiosität: Ungleichbehandlung von Gläubigen". Es war kein üblicher wissenschaftlicher Vortrag, sondern die spannende, menschlich beeindruckende persönlich-biographische Geschichte eines Mannes, der die o.g. Benachteiligung unmittelbar erlebte, erleben mußte. Gleichzeitig war es mehr: darüber hinausgehend eine durch zahlreiche Daten untermauerte Geschichte der Benachteiligung von Christen in der DDR bis zu deren Verfolgung.
Achim Beyer, Diplom-Volkswirt
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