Tagungsbericht: Aktuelle Strukturwandlungsprozesse im Ruhrgebiet

Am 14. April 2004 fand in Nijmegen eine Kooperationsveranstaltung der Gesellschaft für Deutschlandforschung mit dem Zentrum für Deutschlandstudien der Universität Nijmegen über aktuelle Strukturwandlungsprozesse im Ruhrgebiet unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Karl Eckart, GfD und Herrn Drs. John Mazeland, Zentrum für Deutschlandstudien, statt.

Zur Einführung in die Thematik stellte Herr Prof. Dr. Karl Eckart die wesentlichen Merkmale und Entwicklungen altindustrieller Räume im Gegensatz zu ländlich-peripheren Räumen dar und wies u.a. auf die sektorenspezifische Prägung des Ruhrgebietes durch die Schwerindustrie hin. Als wesentliches Merkmal solcher altindustrieller Räume wurde auf die Wichtigkeit äußerer Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung hingewiesen, da sich derartig strukturierte Räume nicht selbst entwickeln können, sondern Impulse von außen für einen sukzessiven Wandlungsprozess benötigen.

Mit der Frage " Wie geht es mit dem Ruhrgebiet weiter und was ist neues möglich?" setzten sich sechs Referenten innerhalb von drei ausweisbaren Themenschwerpunkten: Wirtschaft, Verkehr und Tourismus & Freizeit, auseinander.

Herr Prof. Dr. Hans- Peter Noll wies in seinem Vortrag über die "Aktuellen Strukturprobleme des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet" zunächst auf grundsätzlich strukturelle Veränderungen des Bergbaus im Ruhrgebiet hin. Eine deutliche Reduktion von Bergwerken und Beschäftigten bedeutet eine tiefgreifende strukturelle Veränderung. Der Strukturwandel als ein langfristiger Prozess kann allerdings nur erfolgreich sein, wenn tiefgreifende strukturelle Brüche vermieden werden, dies ist im Ruhrgebiet bisher gelungen. Es fand eine gezielte sozialverträgliche Schrumpfung des Bergbaus statt, die nach wie vor anhält, wenngleich die Zahl der Arbeitslosen immer noch zu hoch ist. Dennoch bestehen durchaus Chancen für das Ruhrgebiet, da die vom Bergbau zurückgelassenen Flächen ein Entwicklungspotential darstellen. Diese Flächen werden aktiv in den Strukturwandel mit einbezogen. Neue Unternehmen brauchen Flächen um sich niederlassen zu können. Diesen Bedarf hat die RAG bereits seit 1969 mit einer Freigabe von über 5000 ha ehemaliger Industriefläche Rechnung getragen. Mittelfristig befinden sich 1100 ha Fläche in der Entwicklung und Vermarktung. Die Verfügbarkeit von ausreichenden Gewerbe- und Büroflächen kann als wesentlicher Schlüsselfaktor für wirtschaftliche Entwicklung von Regionen identifiziert werden. Hier hat das Ruhrgebiet mit seinen Flächenreserven ein entsprechendes Potential vorzuweisen. Dennoch zeigt die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, dass allein die Bereitstellung von Flächen kein ausreichendes Mittel zur Bewältigung des Strukturwandels darstellt.

Wichtig ist es, strategische Flächennutzungskonzepte zu erstellen. Das entsprechende Angebot muss auf regionaler Ebene aufeinander abgestimmt werden. Verbindliche Vereinbarungen über die Entwicklung der Gewerbeflächen können dabei helfen, dass sich entsprechende Regionen auf dem Gewerbeflächenmarkt profilieren können. Ein Ansatzpunkt muss dabei eine gezielte Vermarktungs- und Imagestrategie sein. Ein Mittel, das sich bereits in der Vergangenheit für die erfolgreiche Nutzung von Gewerbeflächen bewährt hat sind, so Herr Prof. Dr. Hans- Peter Noll, Public- Private- Partnerships, wie z.B. der Gewerbepark Gladbeck Brauk.

Als hinderlich für innovative Flächenumnutzungen erweisen sich allerdings die verschiedenen Altlasten des Ruhrgebiets. Als relativ unproblematisch stellen sich die chemischen Altlasten dar. Diese können durch verschiedene technische Methoden heutzutage weitgehend bewältigt werden. Auch die baulichen Altlasten stellen nicht das größte Problem dar, wobei der inhomogene Baugrund durchaus als problematisch bewertet werden kann. Das weitaus größte Problem im Ruhrgebiet sind die mentalen Altlasten. Diesen muss man sich langfristig stellen. Eng mit diesen Altlasten verbunden ist die Darstellung der Region nach außen. Das Ruhrgebiet kann sich allerdings nur als innovativ nach außen präsentieren, wenn eben diese Innovationen auch nach innen kommuniziert und praktiziert werden.

Frau Sibylle Ehrke, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Geographie der Universität Duisburg- Essen, beschäftigte sich in Ihrem Vortrag mit den politischen Maßnahmen zur Förderung des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Gerade in einer Zeit des strukturellen Umbruchs ist stets die Politik gefragt um Umstrukturierungen zu gestalten und Entwicklungsprozessen eine Richtung zu geben um nicht zuletzt auch negative Auswirkungen für die Bevölkerung abzumildern. Im Ruhrgebiet hat es seit dem 2. Weltkrieg verschiedene Maßnahmen gegeben um die Wirtschaftsstruktur zu verbessern. Die wichtigsten Defizite wie im Bereich Infrastruktur und Aus- und Weiterbildung etc. konnten schon ausgeglichen werden, nicht aber die Defizite in den Bereichen Arbeitslosigkeit, Selbstständigenquote etc. Eine große Herausforderung stellt bei der Bewältigung des Strukturwandels die Organisation dar. Auf vertikaler Ebenen existiert keine Ruhrgebietsebene und auf horizontaler Ebene arbeiten viele Institutionen eher nebeneinander als miteinander.

Als grundsätzlich positiv bei der bisherigen Förderung kann das Erreichen der Abfederung der negativen Auswirkungen des Strukturwandels gesehen werden. Ein radikaler Strukturbruch konnte so verhindert werden. Letztlich kann aber der Einsatz von Fördermitteln nicht zu einer Mentalitätsveränderung beitragen. Diese Veränderung der Mentalität stellt aber eines der wichtigsten Ziele der Zukunft dar, so auch Herr Prof. Dr. Hans-Peter Noll. Statt wie früher auf den Großbetrieb wird nun auf Düsseldorf, Berlin und Brüssel geschaut. Die Subventionsmentalität wird weiter gefestigt, unternehmerisches Denken und Handeln sowie Selbstverantwortung und Eigeninitiative werden sogar ungewollt unterdrückt. Hier versucht die regionalisierte Strukturpolitik entgegenzuwirken, indem Sie mehr Kompetenzen in die Regionen selbst verlagert. Dennoch muss berücksichtigt bleiben, dass regionalisierte Strukturpolitik gerade in Altindustrieregionen, wie dem Ruhrgebiet, besonders schwierig ist, da diese Regionen durch mangelnde Regenerationsfähigkeit aus eigener Kraft gekennzeichnet sind.

Für die Zukunft wird die Reduktion der EU-Fördermittel entscheidend sein: Dies kann auch als Chance für Wettbewerb und Eigeninitiative im fortwährenden Prozess des Strukturwandels gesehen werden. Projekte werden voraussichtlich kleiner werden, dafür aber konkreter, praxisnäher und auf Tragfähigkeit ausgelegt sein. Solche und andere Perspektiven weisen darauf hin, dass sich hinsichtlich der Organisation und der Finanzierung des Strukturwandels im Ruhrgebiet in den nächsten Jahren einiges verändern wird.

Aktuelle Ansätze der Wirtschafts- und Strukturpolitik setzen auf Kompetenzfelder. Diese wurden im Wachstums- und Beschäftigungspakt Ruhr festgelegt mit dem Ziel, das Ruhrgebiet als Wirtschaftsregion voranzubringen. Oberste Priorität dabei ist es der Beschäftigungsförderung Rechnung zu tragen. Es erfolgte eine Bündelung auf zwölf wirtschaftliche Kernkompetenzen der Region zu denen u.a. auch Logistik, Tourismus und Freizeit, Medizintechnik und Gesundheitswirtschaft, Energie und neue Energietechniken zählen. Auf zwei dieser Kompetenzfelder wurde während der Veranstaltung eingegangen, nämlich auf das Kompetenzfeld Logistik und auf das Kompetenzfeld Tourismus und Freizeit.

Der zweite thematische Schwerpunkt der Veranstaltung griff das Kompetenzfeld Logistik auf, indem das Thema Verkehr im Ruhrgebiet anhand zweier Vorträge näher veranschaulicht wurden. Der erste Referent Herr Dr. Oliver Neuhoff, berichtete über die "aktuellen Probleme der Verkehrsinfrastruktur im Ruhrgebiet unter der besonderen Berücksichtigung der Binnenschifffahrt" und Herr Marc Janssen referierte über das Projekt "Betuweroute und dessen Probleme und Perspektiven bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Verkehrsinfrastrukturplanung".

Wesentliche Veränderungen, welche die Binnenschifffahrt im Ruhrgebiet betreffen, resultieren aus dem allgemeinen strukturellen Wandel im Ruhrgebiet. Die Binnenschifffahrt und die Wasserstraßen mit ihren Häfen spielten im Ruhrgebiet traditionell eine herausragende Rolle. Ursprünglich waren sie allerdings auf die Interessen der Montanindustrie ausgerichtet. Der Strukturwandel hat zu tiefgreifenden Veränderungen geführt. So hat es in den letzten Jahrzehnten erhebliche Anpassungsprozesse gegeben. U.a. hat in den vergangenen Jahren die Containerschifffahrt eine positive Entwicklung verzeichnet. Die Häfen haben sich von ihrer klassischen Rolle Infrastruktur bereitzustellen, wegbewegt und eine neue Funktion als "Spediteure" wahrgenommen. Auch die Kanäle und andere Gewässer haben eine Umnutzung erfahren. Sie werden vermehrt als Räume zur Freizeitgestaltung verstanden und auch der Wohnwert an den Gewässern ist erkannt worden. Damit sind wiederum Verknüpfungspunkte zu einem weiteren Kompetenzfeld zu erkennen. Gewässer und Kanäle, sowie deren Umnutzung sind als Bestandteil des Kompetenzfeldes Tourismus und Freizeit zu verstehen. Diese zeigen an, dass auch hier freigewordenes endogenes Potential nutzbar gemacht wird. Solche Maßnahmen, wie auch das Erkennen des Wohnwerts an Gewässern bedeuten einen erheblichen Mehrwert für das Ruhrgebiet, für die gesamte Verbesserung des Images der Region und kann in diesem Kontext auch dazu beitragen, intraregional zu einer Mentalitätsveränderung zu verhelfen. Ein Ergebnis solcher Maßnahmen kann demnach eine verbesserte Innen- und Außenwahrnehmung sein.

Der zweite Vortrag zum Thema Verkehr behandelt die Betuweroute. Die Betuweroute als einzigartige Eisenbahnlinie in den Niederlanden, die ausschließlich für den Gütertransport bestimmt ist, ist eine Lösung für ein Problem, das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht existent ist. Bei diesem Problem handelt es sich um das fortwährende Wachstum des Güterstroms vom Rotterdamer Hafen in alle Gegenden Europas. So entschied man sich 1993 für den Bau dieser Bahnlinie. In Zukunft wird dadurch auch eine Zunahme des Güterverkehrs in Deutschland zu erwarten sein. Die Prognose geht davon aus, dass im Jahre 2010 erheblich mehr Kapazität des deutschen Eisenbahnnetzes benötig wird, so dass ein entsprechender Ausbau von deutscher Seite eine Notwendigkeit darstellt. Diese Verbindung soll durch das Ruhrgebiet über Emmerich nach Wesel und Oberhausen führen.

In seinem Vortrag beleuchtete Herr Marc Janssen die einzelnen Planungsebenen näher. Gerade die Erfolge der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sind auf den unterschiedlichen Ebenen differenziert zu beurteilen. Insgesamt ist festzuhalten, dass es eine zu geringe grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei der Realisierung der Infrastruktur gegeben hat. Solche Großprojekte wie die Betuweroute sind mit einem hohen finanziellen, technischen und planerischen Aufwand verbunden und die Projekte sind von langen Planungszeiten geprägt. Schaut man sich die einzelnen Planungsebenen näher an, stellt sich heraus, dass gerade auf der mittlere Planungsebene die Kooperation als durchaus fruchtbar bezeichnet werden kann. Hier hat es einen effektiven Informationsaustausch und Beteiligung gegeben. Als besonders schwierig erwies sich die staatliche Ebene. Hier lag das Kernproblem in den unterschiedlichen Entwicklungsinteressen der beiden Staaten. Die Priorität des Ausbaus der Verkehrsinfrastruktur ist in Deutschland deutlich geringer zu bewerten, als die Stellung des Projektes in den Niederlanden. Wesentlich für grenzüberschreitende Verkehrsplanung ist, dass der Erfolg nur durch einen langfristigen und regelmäßigen Informationsaustausch gewährleistet werden kann.

Im abschießenden, dritten Themenschwerpunkt "Tourismus und Freizeit" stellte Dipl. Soz. Paul Lawitzke vom Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) die beiden wesentlichen Segmente dieses Sektors im Ruhrgebiet vor: das öffentliche Freizeitengagement und die privaten Initiativen.

Traditionell umfasst das öffentliche Freizeitangebot u.a. die Parks (Revierparks und Tiergärten), Bäder und das Sport- und Kulturangebot. Zu den kommerziellen Freizeitangeboten gehören die Freizeitparks, Shopping Entertainment Center wie das Centro, das Ski Alpin Center und die Musicals. Das Angebot im Ruhrgebiet stellt sich als sehr vielfältig dar, wobei teilweise sogar ein Überangebot wie z.B. im Bereich Bäder oder Tiergärten besteht. Hier stellt sich grundsätzlich die Frage, ob nicht das Überangebot als eine Konsequenz des Rückzuges des Staates aus diesem Bereich zu verstehen sein könnte.

Wesentlich ist insgesamt, dass das Freizeitangebot auf die Bedürfnisse der Nutzer ausgerichtet ist und deren Freizeitverhalten bei der Planung berücksichtig wird. Dies wird anhand verschiedener Studien vom KVR immer wieder überprüft.

Die Fülle der Freizeiteinrichtungen im Ruhrgebiet zeigen zum einen, dass sich das Ruhrgebiet von seiner Rolle als Schwerindustrieregion deutlich wegbewegt hat und zum anderen, dass der Bereich Freizeit und Erholung einen wachsenden Stellenwert einnimmt. Als entscheidend für die Entwicklung des Tourismus, hat sich herausgestellt, dass gerade die Einzigartigkeit der Industriekultur von besonderer Bedeutung für das Ruhrgebiet ist. Die schwerindustrielle Vergangenheit scheint so ein endogenes Potential für die Nutzung in der Zukunft durch die Bereiche Freizeit und Tourismus darzustellen. Ein erhöhter Freizeit- und Erholungswert kann zudem den Wohnwert der Region steigern, Wohnqualität schaffen, dadurch wiederum Investoren anziehen und zu einem deutlich verbesserten Gesamtbild der Region beitragen. Hierdurch wird das intraregionale Selbstbild verändert, sowie die gesamte Mentalität innerhalb der Region positiv beeinflusst.

Der letzte Vortrag von Dr. Andreas Keil behandelte die Industriebrachen im Ruhrgebiet als Beispiele für bereits etablierte Erholungs- und Naturerlebnisräume im Ballungsraum. Industriebrachen als Folgeerscheinungen des Strukturwandels erfüllen verschiedene Nutzungen von unterschiedlichen Nutzergruppen, vom Kleinkind bis zum Erwachsenen. Diese erfüllen Freizeitqualitäten, durch ihre Natürlichkeit und Vielfalt, ihre Eigenart, Aneignungshandlungen und nicht zuletzt auch durch ihre Zugänglichkeit und Nutzbarkeit. Es sind Flächen, die heute als zusätzliche Freiräume für die Bevölkerung im Umfeld der Flächen verstanden werden und demnach für sie von großer Bedeutung sind. Industriebrachen bzw. Industrienatur sind so nicht nur als abiotische und biotische Ressource zu schützen, sondern auch als ästhetische Ressource zu verstehen. Diese muss entsprechend geschützt werden.

Der bisherige Strukturwandel hat im Ruhrgebiet zu vielschichtigen Veränderungen geführt. Diese sind u.a. durch die Umnutzung der Bracheflächen zu verzeichnen, sei es durch Neuansiedlungen, Umnutzungen als Erholungsflächen o.ä.. Ein wichtiges Instrument in diesem Prozess stellt die Politik dar, welche ebenfalls einen Beitrag leisten muss um die Umstrukturierung zu gestalten. Durch verschiedene Maßnahmen wurde seit dem 2. Weltkrieg versucht, diesen Veränderungen Rechnung zu tragen. Einige Erfolge sind zu verzeichnen und dennoch ist und bleibt der Strukturwandel ein langfristiger Prozess, der bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. Neue Ansätze der Kompetenzfeldentwicklung zeigen durchaus Möglichkeiten auf. Es geht um die konsequente Weiterentwicklung endogenen Potentials um den momentanen Abkopplungstrend kompensieren zu können. Die ausgewiesenen Kompetenzfelder richten sich nach vorhandenen und künftig absehbaren Verflechtungen und dem darin enthaltenen Potential zur Marktführerschaft. Dies soll zu einer Profilierung des gesamten Ruhrgebiets führen und sowohl nach innen und außen wahrnehmbar werden. Das Ziel ist es letztendlich das Ruhrgebiet neu zu positionieren, neu zu profilieren und nach Möglichkeit in Zukunft komplexe Problemlösungsstrategien exportfähig zu machen.

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