Tagungsbericht: Gesundheitswirtschaft im Ruhrgebiet

Die Gesellschaft für Deutschlandforschung (GfD) führte am 23.6.2005 mit dem Institut für Arbeit und Technik (IAT) im Wissenschaftszentrum NRW in Gelsenkirchen eine Tagung zum Thema "Gesundheitswirtschaft in Deutschland" durch. Der Informationsaustausch über die jeweiligen Arbeitsschwerpunkte, ein gegenseitiges Profitieren von den individuellen Erfahrungen der aktiven Träger der Gesundheitswirtschaft und Kontaktaufnahmen für zukünftige Aktivitäten standen neben den Referaten im Mittelpunkt. Der Teilmerkreis setzte sich aus Experten des Faches zusammen. Unter anderem zählten Mitarbeiter des IAT, Mitglieder der GfD zu den aktiven Teilnehmern.

Als Tagungsleiter übernahm Prof. Dr. Karl Eckart die Moderation der gesamten Veranstaltung. Einleitend rückte er den Perspektivwechsel Mitte der 1990er Jahre, von einer kostendominierten Gesundheitswirtschaft zu einer wert schöpfenden Branche mit positiven Beschäftigungseffekten und Dienstleistungscharakter in den Betrachtungshorizont. Prof. Dr. K. Eckart identifizierte die Haupteinflussfaktoren der Gesundheitswirtschaft, die sich später bei allen Referenten wieder fanden: wachsendes Gesundheitsbewusstsein, steigende Individualisierung, medizinischer Fortschritt und zunehmende Alterung.

Stellvertretend für das IAT übernahm Stephan von Bandemer das erste Referat. Das IAT strebt an die Gesundheitswirtschaft von ihrem Image als Lohnnebenkostenbestandteil zu befreien und seine Rolle als Wirtschafts- und Standortfaktor hervorzuheben. In Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen und regionalen Akteuren fertigt das Institut dazu Analysen auf Bundes- und Länderebene an und rät in Politik und Wirtschaft zu Maßnahmen, um eine ökonomisch tragfähige Nutzung des Wirtschaftsfaktors Gesundheit umzusetzen. Überregional vergleichende Perspektiven zu erstellen und vermittelnde Aktivitäten zu übernehmen, bilden auszubauende Handlungsschwerpunkte des IAT.

Geleitet durch diese Zielsetzung referierte von Bandemer zum Thema Beschäftigungsentwicklung in der Gesundheitswirtschaft - Personalbedarf und Regionalstruktur. Mit einem Anteil von etwa 80% identifizierte er die stationäre Behandlung als Kern der Gesundheitswirtschaft und wählte sie als Schwerpunkt seines Referates. Im länderübergreifenden Vergleich benannte er eine steigende Patientenfallzahl als bestimmenden Indikator für die Beschäftigungsentwicklung im Gesundheitswesen. Trotz sinkender Krankenhausverweildauern ist eine positive Beschäftigungsentwicklung zu prognostizieren. Regionale Spezialisierungen der Krankenhäuser bedingen weiterhin einen Pflegetourismus der sich gleichsam im Bereich der Rehabilitation bemerkbar macht. Zentrenstrukturen, die technisch in der Geräteausstattung und personell in der Qualifikation der Mitarbeiter variieren, sind als Ergebnis dieses Wettbewerbes sichtbar. Grundsätzlich riet von Bandemer zu einer Zusammenführung der stationären mit der ambulanten Pflege, wobei spezialisierte Zentren mit standardmäßig agierenden peripher verorteten Einrichtungen kooperieren mögen. Die kostenintensiven Spezialzentren würden sich dabei um die schwer behandelbaren Fälle und die übrigen um die normal zu versorgenden Patienten bemühen. Eine solche Vorgehensweise führt im Ergebnis zur Entlastung der überfrequentierten Zentren und zur Mehrauslastung der ausbaufähigen peripheren Regionen, was wiederum Kostenreduktion und Produktivitätssteigerung beider auslöst.

Als Jurist war Prof. Dr. Brauns aus Berlin langjährig in der Wohlfahrtsverbandsarbeit tätig und ist zurzeit im Auftrag des Senats von Berlin mit der Gesundheitspolitik befasst. Er referierte zum Thema Gesundheitswirtschaft in Berlin. Zielsetzung Berlins ist es, eine Spitzenposition in der Gesundheitswirtschaft Deutschlands aufzubauen. Dazu werden Wirtschaft, Wissenschaft und Versorgung, mit betonter Schwerpunktsetzung nach dieser Rangfolge, eng miteinander vernetzt. Vorhandene Potentiale wie den Hauptstadtfaktor und den Sitzort einflussreicher Verbände will Berlin ebenso geltend machen wie seine hochwertige Wissenschaftslandschaft in der Biotechnologie, Medizintechnik und im Pharmabereich. International renommierte Krankenhäuser wie die "Carité" und "Vivantes" werden gegenwärtig schon nach ökonomischen Prinzipien wie Unternehmen geführt und nicht als Elemente einer sozialen Infrastruktur verwaltet. Die Forschungsförderung in der Gesundheitswirtschaft erreicht Millionenhöhe. Innerhalb der Universitäten verselbständigen sich die finanziellen Mittel allerdings noch. Außerdem unterschätzen Forschungsinstitute die individuelle Wettbewerbsposition hinsichtlich ihres eigenen Wissens- und Wirtschaftspotentials. Weiterhin bestehen vielfältige Kooperationen mit Großkonzernen. Die Vielzahl der Potentialfaktoren ist bislang dennoch größtenteils unkoordiniert. Um derartige Defizite zukünftig zu minimieren, zielen Berlins Aktivitäten auf stärkere Vernetzung der Akteure. Ein in Anlehnung an den Masterplan des Gesundheitswesens in Nordrhein Westfalen erstellter Plan, ein Abbau administrativer Hemmnisse in der politischen Entscheidungsfindung, verstärkte außenwirtschaftliche Orientierung und eine kompetente Steuerung des Gesamtprozesses nach Vorbild Mecklenburg Vorpommerns bilden Berlins Ansätze zur Netzwerkbildung und zur Erreichung der angestrebten Spitzenposition in der Gesundheitswirtschaft.

Dr. Karin Timmel war mehr als zehn Jahre lang Landrätin auf Rügen. Gegenwärtig ist sie Health Clustermanagerin im "Koordinierungsbüro Gesundheitswirtschaft MV" bei der BioCon Valley GmbH in Warnemünde, einer Gesellschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, einen Brückenschlag zwischen Wirtschaft und Politik einerseits herzustellen und als Plattform zum Erfahrungsaustausch der regionalen Akteure andererseits zu fungieren. Mecklenburg Vorpommern auf dem Weg zum Gesundheitsland Nr. 1 in Deutland lautete das Thema ihres Vortrages. Einleitend skizzierte Dr. Timmel die, über die Seebäder und Bademedizin lange begründete, Tradition Mecklenburg Vorpommerns als Gesundheitsstandort. Dem folgend setzt das Land nun auf traditionelle europäische und natürliche Anwendungen wie Moor- oder Sole- Bäder. Kein Preiswettbewerb, sondern hohe Qualitätsstandards stehen hier im Mittepunkt sämtlicher Aktivitäten. Die Projektfinanzierung erfolgt etwa hälftig über Landesmittel. Es werden medizinische Projekte durchgeführt, der Tourismus ausgebaut und Universitätswissen in die einzelnen Bereiche getragen. Ergänzend stehen die Ernährungswirtschaft und Spitzenhotels zur Seite, um insbesondere für die Rehabilitation einen fließenden Übergang zum Wellness- Bereich zu ermöglichen. Selbstzahler als Zielgruppe versucht man beispielsweise über eine Landesimagekampagne zu gewinnen. Zukünftig maßgebend werden eine gute Versorgungsinfrastruktur, die Schwerpunktsetzung in der modernen Medizin, die Bio- Medizin und der Kompetenzzentrenausbau der Spitzenmedizin in Mecklenburg Vorpommern sein.

Von Hause aus Soziologe betitelt Uwe Borchers, Stellvertretender Geschäftsführer des Zentrums für Innovation und Gesundheitswirtschaft (ZIG) Ostwestfahlen Lippe, seinen Vortrag mit Stärkung der Gesundheitswirtschaft durch Netzwerkkooperation und Clustermanagement - Erfahrungen und Perspektiven. Netzwerkbildung und Kooperation erweisen sich in Ostwestfalen Lippe als besonders bedeutsam, da man sich hier mit ausgeprägten regionalen Identitäten auseinandersetzen muss. Eine Tradition in der Behandlung chronisch kranker Menschen kennzeichnet den Raum. Des Weiteren sind auch hier Naherholung und Wellness fest verankert. Allianzen zwischen Kliniken und gastronomischen Einrichtungen schaffen ein als Medical Wellness bezeichnetes Qualitätsmerkmal, bei dem Prävention einen wesentlichen Part ausmacht. Branchenübergreifende Zusammenarbeit gilt dabei genauso als Mittel zur Innovationsfindung wie Universitäten über Unternehmensausgründungen zur Vitalität der Region beitragen. Krankenhäuser, Wirtschaft (primär Medizintechnik) und Wissenschaft stützen die Gesundheitswirtschaft vor Ort. Die ZIG übernimmt dabei das Prozessmanagement in der Partnerschaft zwischen Anwendern und Herstellern. So stand sie beispielsweise Pate bei der Entwicklung eines neuartigen Krankenhausbettes. Extern wird die ZIG als Testfeld für Ideen wahrgenommen und ermöglicht die enge Zusammenarbeit der verschiedensten Akteure, da sie eine neutrale Plattform in einem Raum bietet, in dem unterschiedlichste politische und ökonomische Interessen ausgelebt werden wollen. Das ausschließlich privat finanzierte Netzwerk kann so, seit seiner Gründung 1999, wesentlich zur Vertrauensbildung der wettbewerblich verflochtenen Partner und damit zur Optimierung der Geschäftsverbindungen insgesamt beitragen.

Eine weitere Perspektive lieferte Katja Makowka als Geographin der Universität Duisburg- Essen. Sie stellte Grundzüge ihrer Dissertation zum Thema Die Seniorenwirtschaft in der Emscher- Lippe Region - Potentiale zur regionalen Entwicklung zur Diskussion. Die Seniorenwirtschaft richtet sich als Querschnittsbereich der Gesundheitswirtschaft auf die Gruppe der über 50-jährigen. Die Gruppe dieser älteren Menschen wächst, während die Wirtschaft auf ein jüngeres Kundenpotential ausgerichtet ist. Die Abkehr vom Bergbau impliziert darüber hinaus Vakanzen, die gefüllt werden wollen. Branchen wie Chemie und Energie, die bislang diese Aufgabe hauptsächlich übernehmen, führen nicht zu hinreichenden Beschäftigungszunahmen, so dass aus der Summe dieser Elemente Potential für die Seniorenwirtschaft abgeleitet wird. Innerhalb Nordrhein- Westfalens und des Ruhrgebietes zeichnen sich im Emscher- Lippe- Raum solche Strukturmerkmale intensiver ab als anderen Ortes. Die Region weist ferner ausgeprägte Konsumfreudigkeit und das höchste Regionaleinkommen innerhalb des Ruhrgebietes auf. Selektive Information auf Angebots- und Nachfrageseite sowie eine auffällige Subventions- und Klagementalität zeigen sich analysebedingt hier jedoch als Hemmnis für den Aufbau der Seniorenwirtschaft. Frau Makowka empfiehlt deshalb kontinuierliche Evaluationen, eine zentrale Koordinierungsstelle und Öffentlichkeitsarbeit, um grundsätzlichen Erfolg versprechende Ansätze weiter auszubauen.

Über Gesundheit und Kirche informiert Frau Elsbeth Kosthorst vom Caritasverband des Bistums Essen. Den mehrheitlich ökonomisch pointierten Ausführungen ihrer Vorredner setzte Frau Kosthorst konträre Ausführungen entgegen. Sie stellt christlichen Leitgedanken entsprechend den Mensch in den Mittelpunkt der Gesundheitswirtschaft. Zahlreiche Relevanzfaktoren wie Gesetzesvorgaben oder Kostensteigerungen und Ausbildungsinhalte der Pflegekräfte durchleuchtet die Referentin hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Arbeit der Caritas. Als Kontroverse erweist sich stets auf Neue für die Caritas, eine Minderauslastung der stationären Einrichtungen bei gleichzeitiger Befürwortung der heimischen Pflege. Letztendlich führt dies für den Verband zu sinkenden Einnahmen und damit zu finanziellen Problemlagen. Besondere Sorge gilt seitens der Caritas Personen, die aus der Sozialgemeinschaft ausgeschlossen werden und der Frage, ob alles was im Gesundheitsbereich technisch möglich gemacht werden kann, auch für den Patienten wünschenswert ist. Dem Spannungsfeld zwischen Ethik und Wirtschaft wird so zum Abschluss ebenfalls Beachtung geschenkt.

Trotz des zunehmend warmen Wetters folgte eine angeregte Diskussion der breit gefächerten Thematik. An dieser Stelle wird nur ein Schwerpunkt wiedergeben. Als hochgradig brisant erwies sich der Aspekt der faktischen Abhängigkeit großer Teile der Gesundheitswirtschaft insbesondere der stationären Pflege von politischen Entscheidungen. Eindeutige Parallelen zur Zentralverwaltungswirtschaft werden festgestellt. Gleichzeitig wollen und sollen die Akteure jedoch dem Marktmechanismus entsprechend agieren und ökonomisch rationale Entscheidungen treffen, so dass ein strukturelles Dilemma aufgedeckt wird. Teilnehmer und Referenten konstatieren dem folgend eine deutliche Überregulierung des Gesundheitsmarktes. Um das Paradoxon zu lösen, sind langfristige Gesetzesänderungen unerlässlich. Im Ergebnis ist man sich deshalb einig, dass zwischenzeitlich kreative neue Wege gefunden werden müssen, um die Gesundheitswirtschaft zu optimieren - wie die einzelnen Referate zeigen, eine Aufgabe der man sich, von unterschiedlichen Ausgangspunkten startend, bereits angenommen hat.

Susanne Strese

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