Tagungsbericht: Deutscher Herbst 1989

Tagungsbericht zur Jahrestagung der Gesellschaft für Deutschlandforschung am 6./7. März 2009 in Berlin

Anfang März 2009, fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, widmeten sich Wissenschaftler und Zeitzeugen im Rahmen der 31. Jahrestagung der Gesellschaft für Deutschlandforschung unter dem Titel „Deutscher Herbst 1989“ den Geschehnissen der friedlichen Revolution von 1989, die die nationale Einheit der Deutschen auf die Agenda der praktischen Politik setzte. Im geschichtsträchtigen Roten Rathaus von Berlin ging man den Bedingungen nach, die zur Überwindung der SED-Diktatur geführt hatten und reflektierte die Ereignisse und politischen Reaktionsketten ab Sommer 1989 in Ost und West.

Zur Eröffnung verwies der Vorsitzende der GfD, Tilman Mayer (Bonn), auf die Tatsache, dass es heute fast niemanden mehr gebe, der gegen die Einheit gewesen sein möchte. Es sei jedoch objektiv nicht einfach gewesen, das Offenhalten der deutschen Frage zu vertreten. Die GfD habe dies vor 1989 gegen einen Mainstream und Konformitätsdruck getan – auch wenn ihre Vertreter bisweilen den Vorwürfen ausgesetzt waren, Kalte Krieger oder Friedensfeinde zu sein. Mayer plädierte für eine differenzierte Betrachtung auf westdeutscher Seite: Realpolitisch habe vor 1989 die Notwendigkeit bestanden, eine Entspannungspolitik mit der Sowjetunion zu vertreten und ihr eine offensive Einheitspolitik unterzuordnen. Dennoch habe es Befürworter einer stärker einheitsbezogenen Politik gegeben, deren Stunde aus realpolitischer Sicht jedoch noch nicht gekommen war. Die Vertreter der Realpolitik und die der Idealpolitik sollten nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ihren jeweiligen Rollen, die bisweilen unverträglich waren, ernst genommen werden. Man sollte es jedoch tunlichst unterlassen, so Mayer, diejenigen, die die Einheit der Nation klar ablehnten und dies retrospektiv bisweilen bis heute tun, eigens zu respektieren.

In einem Grußwort formulierte Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dass der Wunsch nach einer vorbehaltslosen Aufarbeitung der SED-Herrschaft, den der Herbst 1989 generierte, bis heute eine aktuelle Forderung sei. Aus diesem Grunde nehme die Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption, welche die Bundesregierung im vergangenen Jahr beschlossen hat, breiten Raum ein. Das Wissen über die eigene Geschichte gehöre zu den Grundlagen jeder demokratischen Gesellschaft, und insbesondere die Jugend müsse gegen die Diktatur immunisiert werden. Im Gedenkjahr 2009 werde die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur intensiviert.

Eckhard Jesse (Chemnitz) skizzierte die Deutschlandpolitik der frühen Bundesrepublik. Die Westbindungspolitik Konrad Adenauers stelle weithin einen Bruch mit der außenpolitischen Tradition Deutschlands dar. Es habe seinerzeit keine verpassten Chancen in der Deutschlandpolitik gegeben. Das Angebot Stalins vom März 1952, Deutschland solle neutral werden, um wiedervereinigt werden zu können, sei eine Finte gewesen. Der Westen durfte sich darauf nicht einlassen.

Lutz Haarmann (Bonn) beschrieb die zeitgenössischen deutschlandpolitischen Befindlichkeiten in der Bundesrepublik vor dem Herbst 1989. Er fragte, warum derjenige, der sich offen zur deutschen Frage bekannte bzw. offen von der Wiedervereinigung sprach, in Schwierigkeiten kommen konnte. Während die internationale Politik im Zuge der Entspannungsbemühungen seit den 60er Jahren die Themenfelder „Friedenssicherung“ und „Rüstungskontrolle“ zunehmend in den Mittelpunkt rückte, habe sich in Deutschland die Tendenz verstärkt, den Status quo und somit die Teilung Deutschlands als einen unverzichtbaren deutschen Beitrag für ein friedliches Europa zu akzeptieren. Gegentendenzen seien an den Rand geraten und ihre Verfechter bisweilen mit dem Vorwurf konfrontiert worden, friedensgefährdende Absichten zu haben oder gar Revanchismus zu betreiben. Haarmann erläuterte die Hintergründe seiner Thesen am Beispiel der Gründung der GfD und stellte weitere Gruppen und Einzelpersönlichkeiten vor, darunter die „Linken Patrioten“, den Friedensaktivisten Achim Franke, den „Freundeskreis Deutschland“ sowie das Wirken des ehemaligen Honecker-Beraters Wolfgang Seiffert und seines Arbeitskreises ehemaliger DDR-Akademiker in der Bundesrepublik.

Karl Rudolf Korte (Duisburg-Essen) lenkte den Blick ins Kanzleramt des Jahres 1989. Er legte detailliert dar, auf welche Weise Bundeskanzler Helmut Kohl, der zu diesem Zeitpunkt innenpolitisch an einem Tiefpunkt seiner Macht stand, die Ereignisse im Herbst 1989 strategisch zu nutzen wusste, um seine Position zu konsolidieren. Ausgestattet mit monumentaler Unbeirrbarkeit, so Korte, habe Kohl in einer Zeit, in der Lageeinschätzungen nahezu unmöglich und Problemkonstellationen offen gewesen seien, die Initiative zurückerlangt und schließlich, drei Tage vor dem Mauerfall, die Entscheidung für eine rasche Auseinandersetzung mit den Angelegenheiten der DDR gefällt.

Die uneinige Haltung der deutschen Sozialdemokratie im Vereinigungsprozess 1989/90 beleuchtete Daniel Friedrich Sturm (Berlin). Wesentliche Teile der SPD seien zu lange auf die SED und ihre Reformierbarkeit fixiert geblieben, nur wenige Sozialdemokraten hätten den Sog der friedlichen Revolution in Richtung Wiedervereinigung erkannt. Sturm zog das Fazit, dass die SPD im Revolutionsjahr Sympathie hätte ernten können, wenn sie in der Sache einig gewesen wäre und konstruktiv den deutschen Einigungsprozess unterstützt hätte.

Andreas Apelt (Berlin) widmete sich dem umstrittenen Verhältnis der DDR-Opposition zur nationalen Frage vor und während der friedlichen Revolution 1989/90. Grundsätzlich stünden hierzu zwei Thesen gegeneinander, einerseits: Die Opposition habe die Erringung der deutschen Einheit als Ziel eigenen Wirkens angesehen und anerkannt, und andererseits: Die Opposition habe an der Eigenständigkeit der DDR und damit an einem neuen Sozialismusexperiment, sprich einem dritten Weg, festgehalten. Die Wahrheit, so Apelt, liege in der Mitte. Es gelte festzuhalten, dass die DDR-Opposition geschlossen für die Freiheit gestanden habe, und dies sei immerhin die Voraussetzung für die Einheit gewesen, der sie mit Abstrichen, manchem Unbehagen, aber zuweilen auch an der Spitze der Bewegung zugestimmt habe.

Über die gesellschaftlichen Vorbedingungen für die friedliche Revolution 1989 sprach Angelika Barbe (Dresden). Sie begab sich auf die subjektive Ebene und schilderte eindrücklich, welche Art von inneren und äußeren Prozessen Menschen in der DDR durchlaufen hätten, bis sie zu Oppositionellen wurden und welche Strategien es gab, sich als Oppositionelle vor dem repressiven System zu schützen. Scharf kritisierte Barbe geschichtsverfälschende Behauptungen, nach denen die DDR kein Unrechtssystem gewesen sei.

Manfred Wilke (Berlin) erläuterte seine zentrale These, dass es neben dem Aufstehen der Bürgerbewegung ein zweites Moment gebe, den Herbst 1989 zu verstehen: die Agonie der SED. Dies wies Wilke in sechs Punkten nach, darunter die veränderte, auf Kooperation setzende Deutschlandpolitik der Sowjetunion, die Öffnung der ungarischen Grenze als Startschuss für die finale Krise und schließlich auch die Krankheit Erich Honeckers im Sommer 1989. Die Agonie der SED bilde den entscheidenden Unterschied zwischen der Lage der DDR im Herbst 1989 gegenüber der im Jahr des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953.

Wilkes Ausführungen bestätigte Claus J. Duisberg (Bonn), der die rasante Entwicklung der Ereignisse im Herbst 1989 aus der Innensicht vorstellte. Die DDR-Führung sei zu dieser Zeit bereits zu marode gewesen, um sich zu behaupten. Das Glück der Stunde habe darin bestanden, dass die sowjetische Regierung nicht interveniert habe. Duisberg schilderte die spannungsreiche Entwicklung der deutschen Einigung und ihre Einbettung in einen europäischen Prozess.

Seine Untersuchungen über die Ost-CDU zwischen dem Sommer 1989 und den Märzwahlen 1990 führte Michael Richter (Dresden) aus. Er formulierte als Grundthese: Wolle man die damalige Lage der Blockparteien erklären, so sei es unerlässlich, auf die Polarität zwischen der an der SED orientierten Führung einerseits und der heterogenen Zielgruppe ihrer „Mitglieder“ andererseits hinzuweisen. Die Widersprüche zwischen Führung und Mitgliedern hätten Ende der 80er Jahre unter dem Einfluss der sowjetischen Reformpolitik ebenso zugenommen wie die zwischen den Richtungen der CDU.

In ihrem Vortrag „Die öffentliche Meinung und die deutsche Einheit“ präsentierte Manuela Glaab (München) Umfrageergebnisse über die Einstellungen zur deutschen Frage in den 1980er Jahren, über das Meinungsbild zur deutschen Einheit 1989/90 sowie die deutsche Einheit in der Retrospektive. Trotz prinzipiell hoher Zustimmung zur deutschen Einheit stünden heute weiterhin Ost-West-Gegensätze einander gegenüber. Glaab schloss mit dem Hinweis, 20 Jahre nach der „Wende“ solle man die deutsche Einheit nicht mehr in erster Linie als Frage von Ost-West-Unterschieden behandeln, sondern viel grundsätzlicher nach dem politisch-kulturellen Wandel in Gesamtdeutschland fragen.

Zum Abschluss der Tagung fand ein Panel mit dem Titel „20 Jahre Deutscher Herbst 1989“ unter der Diskussionsleitung von Detlef Kühn (Berlin) statt. Volker Kronenberg (Bonn) fragte, ob die Bezeichnung „Deutscher Herbst“ gerechtfertigt sei. Unzweifelhaft seien die Ereignisse 1989 ein deutscher Herbst gewesen, trotz des internationalen Kontextes. Rainer Eckert (Leipzig) legte dar, dass die Leipziger Ereignisse vom 9. Oktober 1989 die Ostberliner Führung ins Mark getroffen hätten. Günter Nooke (Berlin) wies darauf hin, dass die Leipziger Montagsdemonstration an jenem Tag deshalb friedlich geblieben sei, weil damals 70 000 Menschen demonstrierten. Mit Blick auf die deutsche Wiedervereinigung ein knappes Jahr später erklärte Andreas Apelt, dass diese nur von der Sowjetunion hätte verhindert werden können.

Offen blieb am Ende die Frage nach den Lehren aus dem „Deutschen Herbst“ vor 20 Jahren für die Öffentlichkeit. Diese und andere Fragen zielten auf eine weiterführende Diskussion, die von der Tagung selber nicht mehr geleistet werden konnte, jedoch bei vielen Gedenkveranstaltungen in diesem Jahr aufgegriffen werden dürfte.

Ruth Knoblich, Bonn

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