Tagungsbericht: Währung als Instrument zur Einheitsbildung
Die Wissenschaftliche Jahrestagung der Gesellschaft für Deutschlandforschung (GfD) vom 8.-9.März 2002 im Roten Rathaus zu Berlin stand unter dem Generalthema "Währung als Instrument zur Einheitsbildung." Die wissenschaftliche Leitung hatte Univ.-Prof. Dr. Sp. Paraskewopoulos (Universität Leipzig). Die Begrüßung und Eröffnung der Jahrestagung erfolgte durch den Vorsitzenden der GfD, Univ.-Prof. Dr. K. Eckart (Universität Duisburg). In Vertretung des Regierenden Oberbürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, begrüßte Frau Staatssekretärin Monika Helbig, Bevollmächtigte beim Bund und Europabeauftragte, die Anwesenden und sprach über die "EWWU als Willensgemeinschaft". Im Anschluss daran gab Prof. Paraskewopoulos eine Einführung in die Thematik dieser Jahrestagung.
In den folgenden Ausführungen wird nur auf Inhalte einiger Vorträge eingegangen, die während der Veranstaltung zu besonders intensiver Diskussion herausgefordert hatten.
Erster Vortragender war Univ.-Prof. Dr. G. Rübel (Universität Passau) zum Thema: "Veränderung der industriellen Agglomeration in Europa durch die Einheitswährung?" Gleich zu Beginn seiner Ausführungen stellte er fest, dass von der Währungsunion nur in dem Maße ein Integrationsschub - als einem Kernelement des Generalthemas dieser Tagung - ausgehen wird, in welchen die Währungsunion funktioniert bzw. Probleme für andere Wirtschaftsbereiche oder Politikfelder bereitet. Die Beantwortung der Frage nach dem grundsätzlichen Funktionieren dieser Währungsunion ist jedoch nicht ohne Kenntnis der hierzu seit langem diskutierten Pro- und Contra-Argumente möglich, weshalb der Referent seine Ausführungen zunächst auf diese Auseinandersetzung lenkte. Dabei wurde das (Haupt-)Argument der Transaktionskostenersparnis in einer Währungsunion zu recht als weitgehend unbestritten erachtet. Als weitere Vorteile werden eine Erhöhung der Handelsintensität innerhalb des Währungsraumes sowie die Vermeidung einer Fehlallokation von Kapital, die durch Wechselkursschwankungen hervorgerufen werden könnten, erwartet. Diesen Vorteilen der Währungsunion werden in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auch ökonomische Nachteile entgegengehalten, die im weiteren Verlauf des Vortrags relativ breiten Raum fanden. So seien lange Zeit die enormen Umstellungskosten unterschätzt worden. Überdies wurde ausgeführt, warum die (wenngleich spekulative) Frage nach dem Ausmaß der Stabilitätsorientierung der Europäischen Zentralbank, der Unabhängigkeit ihrer Mitglieder oder der Akzeptanz der neuen Währung auf den Weltfinanzmärkten nach wie vor offen bleibt. Des weiteren gab Prof. Rübel zu bedenken, dass durch die einheitliche Währung sämtliche Preise, Löhne und andere Größen direkt vergleichbar werden, was auch eine Offenlegung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen impliziert. Bestehen hier Defizite, so entstünde ebenso ein enormer Druck zu Rationalisierung oder Unternehmenszusammenschlüssen mit der Folge des Abbaus von Arbeitsplätzen. Demnach ist also denkbar, dass durch die Einführung des Euro die Arbeitsmärkte zunächst zusätzlich belastet werden. Des weiteren dürfe nicht übersehen werden, dass bei völliger Kapitalfreiheit und Wegfall von Wechselkursrisiken die jeweiligen europäischen Produktionsstandorte primär nach Kostengesichtspunkten gewählt werden. Der sich so verschärfende Standortwettbewerb jedoch lässt die einzelnen Staaten nur sehr unterschiedlich von den Wachstums- und Beschäftigungseffekten profitieren. Dadurch jedoch könne eine negative Beeinflussung der Integration Europas durch eine gemeinsame Währung nicht ausgeschlossen werden. Überdies würde diese Problematik durch exogene Schocks verschärft, zumal durch internationale Weltnachfrageverschiebungen etwa, die einzelnen Länder in unterschiedlicher Weise betroffen wären. Da in einer Währungsunion sowohl der nominale Wechselkurs als auch eine eigenständige Geldpolitik als mögliche Anpassungsmechanismen nicht mehr zur Verfügung stehen, findet eine Übertragung dieser Problematik statt. Erläutert wurde, wie es hierdurch zur Erschwerung glaubhafter Gelddisziplin durch die EZB, zur gestiegenen Bedeutung der nationalen Lohnbildungsprozesse hinsichtlich der makroökonomischen Rahmenbedingungen eines Landes, bis hin zu erheblichen Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung kommen kann. Vor diesem Hintergrund und unter Bezugnahme entsprechender Untersuchungen zeigte Prof. Rübel daraufhin, dass der europäische Integrationsprozess deutliche Auswirkungen auf die industrielle Agglomeration und auf die Industriestrukturen der einzelnen Länder hat. Ferner, und unter Berücksichtigung effizienzlohntheoretischer Zusammenhänge, käme man zu dem Ergebnis, dass ungleiche reale Entwicklungen die auch in einem Europa mit einheitlicher Währung auftreten, weiter verstärkt würden. Abschließend äußerte Prof. Rübel die Hoffnung, dass derartige Befürchtungen möglichst nicht eintreffen. Wird jedoch von der Politik die Tragweite der durch die Währungsunion entstandenen Veränderungen der Rahmenbedingungen nicht richtig erkannt, so hätte die gemeinsame Währung sogar einen gegenteiligen Beitrag zur Integration Europas geleistet.
Univ.-Prof. Dr. U. Vollmer (Universität Leipzig) referierte zum Thema "Einheitswährung versus Währungswettbewerb in Integrationsprozessen?"
Einleitend hierzu erging zunächst der Hinweis, dass gemäß Artikel 105 EG-Vertrag das vorrangige Ziel die Gewährleistung von Preisniveaustabilität ist und - soweit dieses Ziel nicht beeinträchtigt wird - das Euro-System die allgemeine Wirtschaftspolitik der Gemeinschaft unterstützen soll, um zur Realisierung der in Artikel 2 EG-Vertrag genannten Gemeinschaftsziele beizutragen. Damit hat die Währungsunion nicht nur eine monetäre, sondern subsidiär auch eine realwirtschaftliche Integrationsaufgabe inne. Die bestmögliche Erfüllung dieser Integrationsaufgabe wiederum wurde zum einen unter dem Gesichtspunkt der "Integrationssequenz" (Sockeltheorie oder Krönungstheorie, s.u. Beitrag Paraskewopoulos) sowie der "Integrationsmethode" (Währungsunion durch politischen Akt oder als Ergebnis eines Wettbewerbs zwischen den verschiedenen nationalen Währungen) diskutiert. Zwar wurde mit der Einführung des Euro auch die Frage nach der hier interessierenden Integrationsmethode beantwortet, jedoch stellt sich diese Problematik der zu wählenden optimalen währungspolitischen Integrationsstrategie eventuell im Zuge der geplanten EU-Osterweiterung erneut. Prof. Vollmer untersuchte diese Problematik mittels einer jeweils eingehenden Vorstellung und schließlich Gegenüberstellung dieser beiden monetären Integrationsalternativen. Im Ergebnis sieht er auf Seiten einer Währungsunion durch politischen Akt die hauptsächliche Gefahr darin, dass für die Verwendung einer gemeinsamen Währung unpassende Ländergruppen ausgewählt werden können und die daraus resultierenden Kosten den Nutzen überwiegen. Ein Währungswettbewerb indes könnte als Entdeckungsverfahren für die Länder- bzw. Regionenauswahl fungieren und stelle überdies sicher, dass eine monetäre erst nach Vollendung der realwirtschaftlichen Integration erfolgt. Dennoch können nicht zuletzt aufgrund sog. Netzwerkeffekte Zweifel am Währungswettbewerb bestehen. Zumindest sei der Verwendung einer nationalen Währung (anstatt einer Kunstwährung) als Gemeinschaftswährung der Vorzug zu geben, um innerhalb der Währungsunion zumindest einer Gruppe die Umstellungskosten zu ersparen. Die sich an diesen Vortrag anschließende Diskussion der Tagungsteilnehmer drehte sich um die Frage, in wieweit eine empirische Verifikation vorweisbar ist.
Univ.-Prof. Dr. Th. Apolte (Universität Münster) untersuchte den "Einfluss der Europäischen Währungsunion auf den Prozess der ökonomischen Integration Europas."
Einleitend gab der Referent zu bedenken, dass für den hier interessierenden Sachverhalt aufgrund seines recht kurzen Vorhandenseins empirisch stichhaltige Integrationseffekte und Wirkungskanäle kaum oder gar nicht auszumachen sind. Demgegenüber lassen sich jedoch deutliche Aussagen über wirtschaftspolitische Integrationswirkungen der Währungsunion treffen. Diese zielen zum einen auf die nunmehr nichtautonome Geldpolitik der Mitgliedstaaten. Zum anderen betrifft dies die nationalen Fiskalpolitiken mit der Absicht, Inflationstendenzen als Folge zu hoher Staatsverschuldung zu begegnen. Die rein wirtschaftlichen Integrationswirkungen der Währungsunion schließlich betreffen diejenigen auf den Gütermärkten sowie der Faktormärkte. Kritisch wurde auf die tendenzielle Vereinheitlichung diverser wirtschaftlicher Rahmendaten im Zuge verstärkter Koordinierungsbestrebungen in Europa verwiesen. Diese könnten nicht nur die wirtschaftliche Integration verstärken, sondern hätten den Nachteil der Vereinheitlichung der mitgliedstaatlichen Wirtschaftspolitiken. Prof. Apolte skizzierte daraufhin eingehend mögliche wirtschaftliche Integrationswirkungen der Europäischen Währungsunion zunächst für den Gütermarkt und dann auch für die Faktormärkte. Dabei erwartet er für beide Teilgebiete letztlich vergleichsweise unspektakuläre Veränderungen des wirtschaftlichen Umfeldes in Europa. Dies gelte letztlich auch für mögliche wirtschaftspolitische Integrationsfelder im Zuge der Europäischen Währungsunion, wenngleich natürlich Fragen z.B. auf dem Gebiet der Sozialpolitik weiter offen bleiben. Alles in allem sieht er die Chance für ein wirklich neues Umfeld entstehen: "Einen Binnenmarkt mit einem verlässlichen stabilitätspolitischen Umfeld, innerhalb dessen die Wirtschaftsakteure auf Dauer weder Inflation noch überholte staatliche Defizite mit allen ihren negativen Rückwirkungen auf die wirtschaftliche Prosperität fürchten müssen."
Den Abschluss dieser Vortragsreihe bildete der Beitrag von Univ.-Prof. Dr. Sp. Paraskewopoulos (Universität Leipzig) zum "Währung als Krönung oder Initialzündung eines Einigungsprozesses?" Zunächst wurden die erforderlichen Rahmenbedingungen einer stabilen Währung kurz erläutert, und anschließend wurde der Frage nachgegangen, ob eine Währungsunion zwischen offenen Volkswirtschaften überhaupt erforderlich ist. Den eigentlichen Untersuchungsgegenstand jedoch bildete auch hier die grundsätzliche Fragestellung, ob eine Währungsunion ein integrationspolitisches Mittel sein kann. Dies wurde sowohl am integrationspolitischen Weg Deutschlands, als auch dem integrationspolitischen Weg Europas illustriert. Innerhalb der betont kurz gehaltenen Ausführungen zu den erforderlichen Rahmenbedingungen einer stabilen Währung, stellte der Referent besonders auf den hierfür ebenfalls notwendigen Stabilitätsaspekt ab. Die Funktionsfähigkeit einer ganzen marktwirtschaftlichen Ordnung hängt maßgeblich von der Stabilität der Währungsordnung ab. Walter Eucken, einer der geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft, sprach sogar vom "Primat der Währungspolitik" in der Marktwirtschaft. Auch dadurch, und nicht nur aufgrund aktueller tagespolitischer Auseinandersetzung, vergegenwärtigt sich die Bedeutung des Generalthemas der diesjährigen GfD-Tagung. Hinsichtlich der Frage, ob eine Währungsunion zwischen offenen Volkswirtschaften erforderlich ist, sei an dieser Stelle lediglich darauf verwiesen, dass über den Wechselkurs die Preise der (nationalen) Güter und damit ihre internationale Konkurrenzfähigkeit mitbestimmt wird. Welches Wechselkursregime für welche Volkswirtschaft welche Konsequenzen hat, ist besonders in der Kontroverse "Feste versus flexible Wechselkurse" diskutiert worden. Hinsichtlich einer Währungsunion (als der perfekten Form fester Wechselkurse) warf der Referent die Frage auf, ob nicht auch Möglichkeiten im Rahmen der Wirtschaftsordnung gefunden werden sollten, die einen solchen Prozess erleichtern, wenn man Gesellschaften mit einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund, wie beispielsweise die Europäischen Staaten, ökonomisch und politisch enger zusammenführen will, ob nicht auch Möglichkeiten im Rahmen der Wirtschaftsordnung gefunden werden sollten, die einen solchen Prozess erleichtern. Bezogen auf den integrationspolitischen Weg Europas legte der Referent, fast schon im Stile eines Plädoyers, die Europäische Währungsunion als den richtigen Weg dar. Gerade dieser Sachverhalt ließ die anschließende Teilnehmerdiskussion zu einer - gelegentlich sogar emotional geführten - Grundsatzdiskussion über die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion werden.
Dipl.-Vw. Soz.wiss.R. Andreas Mikoleizik,
Universität Leipzig
Zurück zu Tagungsberichte
