Tagungsbericht: Deutschland - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft -
25 Jahre Gesellschaft für Deutschlandforschung

Die Jubiläumsveranstaltung der Gesellschaft für Deutschlandforschung e.V. (GfD) fand vom 6. bis 8. März 2003 im Roten Rathaus in Berlin statt. Den einleitenden Worten des Vorsitzenden der Gesellschaft, dem Duisburger Geografen Prof. Dr. Karl Eckart, war zu entnehmen, dass das Thema "Deutschland - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft" bewusst so breit angelegt wurde, um möglichst viele Problembereiche zu erfassen.

In seinem Festvortrag zur Eröffnung widmete sich Prof. Dr. Richard Schröder (Humboldt Universität Berlin) den "Legenden der deutschen Einheit". Der erste Fraktionsvorsitzende der SPD in der demokratisch gewählten Volkskammer begann nicht mit einer Legende, sondern mit der Feststellung, dass es um die deutsche Einheit gut bestellt sei, obwohl auch 2003 noch eine allgegenwärtige Ost-West-Asymmetrie vorherrsche, die stärker ausgeprägt sei als die Nord-Süd-Asymmetrie. Mit der Auffassung, dass die DDR eine "milde Diktatur" gewesen sei, leitete Prof. Dr. Schröder die Reihe der Legenden ein. Der rechtsverachtende Charakter des SED-Regimes werde oft nicht berücksichtigt, getreu dem Motto: Die Idee war gut, die Durchführung schlecht. Weiterhin ins Reich der Fabeln gehöre die "Kolonialisierung der DDR durch die BRD." "Es ist nicht wahr, dass der Westen gesagt hat, nach unserer Pfeife wird getanzt." Die Übernahme des BRD-Rechts sei schließlich von der frei gewählten Volkskammer beschlossen worden. Nahtlos fügt sich daran die Legende von der "Siegerjustiz" an. Diese besonders häufig von alten SED-Funktionären benutzte Formel baut darauf auf, dass der Westen den Osten besiegt habe, um nun über die Ost-Regierung Gericht zu halten. Auch die Legenden, die sich um das "Vermögen der Treuhand" und um den "starken Rechtsextremismus" ranken, sind im Osten nach Prof. Dr. Schröder latent vorhanden. Der Referent beendete seinen sehr lebendigen Vortrag mit einer Metapher über die Gefahren der Gespensterfurcht. Zum einen macht diese ein Haus unbewohnbar, in dem man eigentlich ganz gut leben könnte, und zum anderen lenkt sie von anderen, wichtigeren Gefahren ab.

Die Gesellschaft für Deutschlandforschung und ihre 25jährige Geschichte beleuchtete anschließend das Vorstandsmitglied Prof. Dr. Günther Heydemann (Historiker aus Leipzig). Schon ihre Gründung am 19. April 1978, u.a. durch Prof. Dr. Siegfried Mampel, den spiritus rector, Dr. Joachim Nawrocki oder etwa Prof. Dr. Jens Hacker, war nicht unumstritten. Die Motive für die Gründung der Gesellschaft waren, so Prof. Dr. Heydemann, zum ersten ein zunehmend verengter Forschungsansatz mit Blick auf die DDR, eine permanente Unterschätzung der diktatorischen Qualität des SED-Staates und eine zunehmende "Negierung der Offenheit der deutschen Frage." Mit der finanziellen Förderung durch den Bund und einzelne Bundesländer, der Eröffnung einer Geschäftsstelle und der fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Duncker & Humblot Verlag brachte es die GfD am zehnten Jahrestag ihres Bestehens auf nahezu 500 Mitglieder. Aufgrund der deutschen Wiedervereinigung war der Forschungsgegenstand der DDR-Forschung "gleichsam verloren und zugleich neu wiedergewonnen." In einem Zehn-Punkte-Programm formulierte die Gesellschaft ihre Ziele neu. Als Schwerpunkt setzte sie sich dabei die "Realisierung der Einheit Deutschlands." Prof. Dr. Heydemann brachte aber auch seine Sorgen zum Ausdruck: über das Finanzproblem der GfD, über den Mangel an Nachwuchs und über sinkende Mitgliederzahlen. Prof. Dr. Heydemann sieht in der schwindenden Distanz zur Politik ein Problem der Wissenschaft. Die Gesellschaft für Deutschlandforschung bemühe sich weiterhin, "auf der Grundlage des wissenschaftlichen Pluralismus" kontroverse Meinungen zu fördern und ihre wissenschaftliche Interdisziplinarität zu erhalten.

Ein Zeugnis von der wissenschaftlichen Lebendigkeit der Gesellschaft legt die Schriftenreihe im Verlag Duncker & Humblot ab. In nunmehr fast 20jähriger Zusammenarbeit wurden 76 Publikationen durch den Verlag produziert. Prof. Dr. Norbert Simon vom Verlag wies auf die Gefahren durch die zunehmende Digitalisierung von Büchern hin. Gleichwohl hoffe er auf eine Fortführung der Zusammenarbeit. Zwei hochkarätig besetzte Diskussionsveranstaltungen und zwei ebenso wichtige Referate bildeten das reichhaltige Programm des zweiten Tages.

"Die DDR - nur eine Fußnote in der Geschichte?" das fragte der Historiker Prof. Dr. Werner Müller (Rostock). Demokratie spielte für die SED-Machthaber nur am Anfang und am Ende ihrer Herrschaft eine zugewiesene Rolle. Auch um die Eigenstaatlichkeit bzw. Souveränität der DDR stand es laut Prof. Dr. Müller schlecht. Erst war sie ein "Kind der Besatzungspolitik", danach von der Sowjetunion abhängig. Ob es um den 17. Juni 1953, den Machtwechsel Ulbricht-Honecker oder den angestrebten Honecker-Besuch in Bonn ging, von auch nur annähernder Souveränität findet sich in der Geschichte der DDR keine Spur. Mit der Eigenständigkeit der DDR kam auch ihr Ende. Für Prof. Dr. Müller ist die fehlende Beitragskraft des SED-Staates zur Geschichte des 20. Jahrhunderts charakteristisch. "Honeckers Rückkehr zum Weimarer Versorgungs-Kommunismus" und die Modernitätsvisionen Ulbrichts haben einen deutschen Sonderweg namens DDR gestützt, welcher ohne die Sowjetunion undenkbar gewesen wäre und der als zweite Diktatur in Deutschland, eine "abgeleitete Diktatur" gewesen ist.

Die Geschichte der beiden deutschen Staaten verstärkt als Beziehungsgeschichte zu betrachten, dafür sprach sich Vorstandsmitglied Prof. Dr. Eckhard Jesse (Politikwissenschaftler aus Chemnitz) in seinem Referat "Die beiden deutschen Staaten 1945/49 - 1989/90: eine Beziehungsgeschichte?" aus. Auf diese Weise würden Wechselwirkungen erkennbar, wobei die Interaktion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR aber nicht symmetrisch gewesen sei. Die Asymmetrie zeigte sich vor allem in zwei Punkten: Zum einen war die DDR - in den verschiedensten Bereichen - vielfach auf die Bundesrepublik fixiert, während diese die DDR mehr ignorierte denn als Bezugspunkt ansah. Zum anderen erwies sich die Interaktion insofern als asymmetrisch, als die Bundesrepublik in der Regel überlegen war und die DDR in die Defensive drängte. Sowohl die Geschichte der innerdeutschen Beziehungen im allgemeinen als auch die Geschichte des umstrittenen SPD-SED-Papiers von 1987 "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" im besonderen, sei in mannigfacher Hinsicht eine Geschichte der Verkehrungen und Paradoxien. Jesse vertrat die Auffassung von der Fortexistenz der asymmetrischen Wechselbeziehungen zwischen Ost und West auch nach der deutschen Einheit, wenngleich in anderer Weise. Ostdeutsches "Wir-Bewusstsein", erst nach der deutschen Einheit entstanden, sei kein Indiz für kommunistische Nostalgie, sondern eher ein Zeichen von Trotz und Enttäuschung.

Die FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper und Wolfgang Tiefensee (SPD), der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, diskutierten über "Leistungen und Problemen der Politik seit 1990". Nach Meinung von Tiefensee "gibt es weder in den Parteien, noch bei den Menschen, die Politik machen" eine erforderliche Orientierung. Diese Orientierung sei aber gerade eine von den Bürgern erwartete Notwendigkeit. Immer weniger Politiker stünden zu ihrer Meinung. Eine solche "Seifigkeit der Politik", die sich mehr in der Wahl zwischen Personen und weniger in der zwischen Alternativen widerspiegelte, gehe mit einer "Politik der Verantwortungslosigkeit" einher. Diese Oberflächlichkeit, hervorgerufen u.a. durch die ausufernde Mediengesellschaft, unterstrich Piper mit der Frage: "Von wem wird dieses Land regiert?" Sie stellte den Wunsch der Bürger nach mehr Entscheidungsfreiheit in den Vordergrund. Beide waren sich darin einig, dass sich die Bundesrepublik noch nicht auf den weltweiten Wandel zur Wissens- und Informationsgesellschaft eingestellt habe. Das derzeitige Hauptproblem besteht für Piper darin, den Aufbau Ost als nationalen Aufgabe zu begreifen. Dem schloss sich Tiefensee an. Probleme aus seiner Perspektive sind die fehlende Konzentration auf Forschung und Entwicklung, die übermäßige Bürokratie und die kaum vorhandene Koordination.

In der zweiten Diskussionsveranstaltung des Tages kam die innere Einheit zur Sprache - ein besonderes Anliegen der GfD. Zusammengefunden hatten sich vier Ostdeutsche: die Bürgerrechtler Günter Nooke (heute CDU) und Konrad Weiß (mittlerweile kein Mitglied mehr der Grünen), der eingangs schon erwähnte Prof. Dr. Richard Schröder (SPD) und der mittlerweile 81jährige, von 1965-1989 Vorsitzende der Staatlichen Plankommission der DDR Dr. Gerhard Schürer. Letzter sprach von der Chance, durch die friedlich hergestellte Einheit Deutschlands. Er erkannte die Aufbauleistungen in den neuen Bundesländern seit 1990 an, klagte jedoch über die Art und Weise, wie mit dem DDR-Vermögen umgegangen worden sei. Für Dr. Schürer war die DDR kein Unrechtsstaat gewesen. Nooke hielt - stärker noch als Schröder - die innere Einheit für hergestellt. Doch fehle es an einer Art Revolutionsmythos für die Jahre 1989/90. Weiß sah ein großes Problem bei der erhöhten Aufmerksamkeit, die den Tätern des Regimes geschenkt werde - nicht den Opfern. Die Opferrolle würde teilweise sogar den Tätern zufallen. Die Bezeichnung "kommode Diktatur" von Günter Grass trage zur Verharmlosung der DDR bei. Ein generelles Problem, das alle Diskutanten erwähnten, sei die unzureichende Aufarbeitung der DDR-Geschichte.

Die Diskussionsrunde am letzten Tag der Veranstaltung befasste sich mit der Zukunft der Deutschlandforschung: Dr. Mike Schmeitzner (Dresden), Prof. Dr. Christoph Kleßmann (Potsdam), Dr. Ulrich Mählert (Berlin), Dr. Ehrhart Neubert (Berlin), Dr. Hermann Wentker (Berlin) und Prof. Dr. Manfred Wilke (Berlin) repräsentierten unterschiedliche Forschungsinstitute. Im letzten Jahrzehnt der DDR-Forschung konnte laut Dr. Mählert ein guter Forschungsstand erreicht werden. Die Anzahl der Projekte nehme jedoch ständig ab und wegen ausbleibender Finanzierungen entwickele sich die Situation zunehmend kritisch. Prof. Dr. Kleßmann und Dr. Wentker befürchteten eine Marginalisierung der DDR-Forschung. Besonders auf regionaler Ebene und in der Zeit zwischen der frühen und der späten Phase der DDR sind nach Meinung von Dr. Schmeitzer Versäumnisse in der Forschung festzustellen. Sogar die Politik selbst ist nicht mehr an der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit interessiert, meinte Neubert.

Wie sollte die zukünftige Deutschlandforschung beschaffen sein? Zum einen darf sie sich nicht in der DDR-Forschung erschöpfen, so Dr. Wentker, sondern hat sich, folgt man den Äußerungen von Prof. Dr. Kleßmann, wieder mehr der zeithistorischen Bundesrepublikforschung zuzuwenden und eventuell ganz in der Zeitgeschichte aufzugehen. Zum anderen muss es ihr Anliegen sein, "verschiedene Wege nach Europa und zu Europa zu reflektieren", so Prof. Dr. Wilke. Besonders das Überschreiten von oftmals als zementiert erscheinenden zeitlichen und geografischen Grenzen ist nach Dr. Mählert als Voraussetzung für eine Erweiterung der DDR-Forschung zu sehen. Ein solcher "Perspektivenwandel" mit dem Ziel, "über die Beherrschten zu den Herrschenden" zu kommen muss fächerübergreifenden Charakter aufweisen und grundsätzlich neue Herangehensweisen wählen. Neubert geht noch einen Schritt weiter und fordert die "Einbettung der DDR-Forschung in eine umfassende politische Kultur-Forschung." Das Podium präsentierte das volle Spektrum der gegenwärtigen Deutschlandforschung. Konsens überlagerte Dissens.

Auf ein bislang noch nicht erwähntes, aber dennoch wichtiges Feld der Deutschlandforschung - die Außenpolitik - wies der Berliner Zeithistoriker Prof. Dr. Arnulf Baring in seinem Abschlussvortrag "Deutschlands Rolle in der Welt" hin. Die Außenpolitik als Herausforderung der Innenpolitik werde in Deutschland immer relevanter. Dabei sei die Position der Bundesrepublik nicht in der ersten Reihe zu suchen; sie stellt in außenpolitischer Hinsicht "bestenfalls eine mittlere Macht" dar. Obwohl Deutschlands altes Dilemma der europäischen Mittellage weiterhin existent ist, haben sich die Deutschen von den Ambitionen vor 1945 befreit, ständig ihre weltpolitische Macht und Präsenz beweisen zu müssen. Deutschlands außenpolitische Tätigkeit sollte sich auf Osteuropa beschränken, da ein weltweites Engagement zur Zeit materiell unmöglich erscheint. Auch wird Europa in nächster Zeit zu keiner Machtballung gelangen, sondern sich als lockeres Gebilde ohne realistische Chance auf vollständige Einigung weiterentwickeln. Der Führungsanspruch Frankreichs und das Sprachenproblem sah Prof. Dr. Baring als Hauptbarrieren für eine europäische Einigung, sie sei unrealistisch. Während der Umgang mit Russland kritischer betrachtet werden sollte, ist die Bundesrepublik auf die USA angewiesen. Das momentan schlechte Verhältnis Deutschlands zu den USA sei u.a. ein Ausdruck für das "Verblassen einer Führungsschicht." Die Qualität der politischen Führung ist in der Bundesrepublik Deutschland stetig schlechter geworden, besonders auf dem Gebiet der Außenpolitik, so Prof. Dr. Baring. Seinen Vortrag beendete Prof. Dr. Baring mit der Einsicht über Deutschlands Rolle in der Welt: "Wir sind eben sehr viel weniger, als wir in unserem hochfliegendem Idealismus gelegentlich annehmen."

Thomas Schubert, Chemnitz

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